Barbara Gauger
Barbara Gauger

...da kamen die Bilder auf Taubenfüßen daher ...

.... und flüsterten mir zu "psst, Hermann Harry, pssst und gib acht ..... hörst Du den leise tastenden Tritt und das scharrende Sekundenrascheln unserer Vogelspuren auf dem grauen Pflaster im grauen Nebel im grauen Wolkenwetter über Berlin? ...den wie mit letzter schwindender Wärme versöhnlich leuchtenden Schein der sinkenden Sonne über dem Boden fast an den südwestlichen   Grenzen der Stadt - hörst Du den etwas rauhkehligen Wind in den Blättern der Bäume am Rande des Grunewalds --- Fühlst du den trockensandkaumkiesigen Boden von Wannsee, überspannt von den schichtenweiten Himmeln eines Caspar David Friedrich darüber, aber trockner und schneller, im Farbauftrag erscheinend, als hätte ein verstohlen darübergehender Stadtwind mit schneller Brise nach rechts oben über das Bild streichend trocknend die Leinwand überhaucht? Siehst auch Du die Müllkippen am Wannsee ohne den Geruch des Vergehens und der verfaulenden Entladung der großen Stadt und ihres Unrats, spürst die die dahinsetzende, scheinbar nicht ordnende Hand des Künstlers über oder vor der Komposition, die so sich  breitet wie zufällig  vor Deinen Augen? Siehst Du die Gehenden oder Stehenden, lebend, aber ins Bild gesetzt, fast wie die offenbar zufällig gereihten Töpfe auf einem gekippten Tisch, die Stoffe, die bewegt erscheinen durch den reinen Duktus der Künstlerhand, die hallenartigen Räume der Säale in der Kunsthochschule am Steinplatz, die Wand, die zum Bild wird durch den Strich und den Auftrag der Farbe, eine verhaltene Sensation in vielfältig gedecktem Weiß, graubeige, taupe ...der Farben und ihrer Schatten...Sinds welche? ... "

 

Noch lange sinnierte ich über diese Vision eines Werner Haftmann, " ....auf Taubenfüßen... " und was waren das überhaupt für Tauben. die fettgemästeten Großstadttauben auf den alten Berliner S-Bahnhöfen, etwa in Schöneberg, unten? Die warens nicht. Die kleineren Vettern auf den Nordseeinseln, deren Gurren Dich morgens aus dem Schlaf weckt... Nein, die erschienen zu romantisch..., zu klein, zu viel Natur, das Städtische war ja immens zu spüren, in diesen Bildern die da zu mir sprachen...Hermann, oh Hermännchen so schienen sie zu hauchen, die Taubenfüße, die sind der Strich, das haptische, das tastend erfassende, das kaum zu fassende dieser Gemälde ... zu fassen nur in deiner Stimmung, in Deiner Ein-bildung... "In Deiner Einbildung", ja was war denn das , eine Halluzination? Nein, gewiß nicht, daür war das alles zu sachlich, kein Rausch, keine Zeichen, keine Rauchspiralen aus denen Gnomen sich bildeten ... aber berauschend, also be-rauschend war das schon, also die Ausstrahlung dieser Gemälde - aber Ein-bildung, ja, durchaus, die Bilder bildeten sich ein, tief ein, ganz tief ins Gemüt... Ja, Hermann, Harry, so raunten sie mir zu, wenn Du erst nicht mehr unterscheiden kannst, ob wir dies Berlin abbilden, wie Du es vielleicht schon als kleiner Junge erlebt hast, oder du etwa zweifelst, ob die Gemälde selbst dein Bild prägen ... dann,,, dann dann...bist Du angekommen, angekommen  in der Welt  des Malers, dessen Kunst die geheimnisvolle Schwermut des Bergischen Landes aus dem er kommt, ins Prosaischere der Berliner Großstadt und ihren bewaldeten Rändern trägt ... ...

 

"Ist Ihnen nicht wohl, ich weiß schon, die Frühlingsluft und der Schampus und die vielen bunten Bilder und die Fenster können wir hier ja auch nicht öffnen, sonst wehts die Pollen herein auf die teilweise noch frische Ölfarbe . . . Ist ja hier ´ne Vernissage! "

Mit solcherart gutmeinenden Worten suchte ein besorgter Museumsmensch mich zu beruhigen und schob mir  einen harten aber umfänglich belehnten Stuhl unter. "So, jetze fang´n se sich mal, die weißen Mäuse wer'n se ja von den zwei Gläschen die se da verkonsumiert ham nicht gleich über die Wände hüppen sehn !" meinte ein hilfsbereit herbeigeeilter gütiger älterer Herr mit grauem Spitzbärtchen, der sich durch seine tief auf die Nasenflügel positionierte Brille und eine geschickt überspielte Professionalität seiner Anteilnahme an meinem Schicksal unschwer als ein doktorierter Meister der Seelenheilkunde auswies."Aber jetzt mal im Ernst, mein Bester, Korsakoff in ihrem Alter wirds nicht sein, aber Stendhal, das kennen wir, das hatten viele, auch der große Heinrich Heine bei den vielen Madonnen im Mailänder Dom -  und die Reizung der Sinne ist ja hier immens, nicht wahr? In Berlin nennt man das einen Nervenanfall, aber wir sind ja hier zum Glück in Potsdam...!" Ah, das klang beruhigend , eine zeitgemäße Neurasthenie, die wollte ich mir schon lange zulegen. Und die Affektionen eines Heine, das hob doch ungeheuer. Aber was hatten die da gesagt, bunte Bilder? Die waren nicht bunt, die waren von dezenter, zurückhaltender Farbigkeit, Naturtöne, ocker, gebrannte umbra, sorgfältig gemischte Terra di Siena, sollte ich etwa doch halluzinieren?

 

"Ach Männecke, jetzt lass mal diesen armen Wicht da sitzen und weiter von seinen Müllhalden vor sich hinfaseln; dabei schaut er doch ganz manierlich gekleidet aus, ist es nicht ein Jammer, wie diese jungen Leute schon von ihren überreizten Phantastereien dahingerafft werden? Studieren sollten sie, anstatt an nächtlichen Stammtischen kameradschaftlich die "Philosophien des Schmutz" zu erörtern. Aber schau doch diese Bilder, diese Gärten, die Menschen in diesen ergreifenden Landschaften der Seele, hach, das muss wahrlich wunderbar  sein, einen Mann zu haben, der seine Familie  so prachtvoll abbilden, nein, dekorativ, ja, wirklich dekorativ darstellen kann  ein ausgesprochener Meister des gekonnten mise en scene, nicht wahr, mein Egonchen!" So tönte  es voller Inbrunst  aus dem Munde einer kunstbeflissenen Dame in den mittleren Jahren. "Ach,, Mathilde," fiel eine dem besagten Ehepaare wohl sehr nahestehende Bekannte ein, noch bevor der ob der Wucht dieser Worte erkennbar überforderte Gatte etwas Sinnreiches zum Vortrag seiner Angetrauten äußern konnte. "Mathildchen, jetzt denk doch nur einmal, ich sage es nur, e i n m a l drüber nach, was in solchem Garten für eine Arbeit steckt. Ich kann das nur immer wieder betonen, cherchez la femme, hinter jedem grossen Manne steckt doch eine Frau, eine kluge Frau, eine Frau, die ihre eigenen Talente in den Dienst des Mannes stellt, die seinen Garten richtet, die Blumen, die er zu malen gedenkt und die aber auch dezent im Hintergrund seine geschäftlichen Angelegenheiten befördert. Da bräuchtest Du  Dir gar nicht mehr die Haare zu Brezeln über den Ohren binden, liebe Mathilde weil Du Dich nicht einmal mehr einer ehrenamtlichen Tätigkeit am Theater rühmen könntest, und ...." - "Na das möchte ich ja gerne wissen", so ließ es sich vor einem weiteren Gemälde vernehmen, gleich eine ganze Gruppe gesellte sich davor. "Wer wohl diesen hier abgebildeten Garten gestaltet hat. Ob das wohl so einer in diesem englischen Stil ist, wie ihn der Herr Liebermann  sich zugelegt hat. Also ich versteh das nicht, diese welschen windbeutelischen Moden, nun auch in der Gartengestaltung; wo doch der Rudolf Jürgens auf der  Düsseldorfer Gartenausstellung null -vier so beispielhaft bewiesen hat, was ein Hamburger  in puncto Beete und Rabatten so hinlegt.. Das frage ich mich ja wohl, ob den Meister Max da die mehr oder weniger wohlgesetzten Hecken vor dem Gekreische des Badevölkchens schützen." "Na, ist ja meine Sache nicht, ist mir alles zu modern, soll sich doch der Osthaus in seinem Folkwang-Museum  drum kümmern, um diesen Architekten, aeh, Gartenarchitekten, Herrn Peter Behrens übrigens oder wie der auch heisst. Der soll auch Bestecke und Gläser entworfen haben und Schriften, - hätte er mal bei bleiben sollen." "Solange er nicht den Reichstag ausstattet, Bitte!."Ein Entschlossenerer fiel ein:  "Also, das überlassen wir wirklich diesem so fortschrittlichen Manne aus Hagen, der ja neuerdings auch am Stadttheater den "Blaubart"von diesem Herbert Eulenberg zur Aufführung brachte. Was halten Sie überhaupt von diesen vier sehr freizügigen Damen der Milly Steger an der Fassade dieses Bühnenhauses? " - "Die Figuren, ach, die Figuren, .... ich seh nur die auf den Bildern hier... na , mächtige Beine, äh, Füße haben die, nicht?  Na, müssen ja auch lange stehn, so als echtes Kunstwerk, die sind ja so gar nicht aufeinander bezogen, auf diesen Leinwandlandschaften hier, wie Kegel stehn sie da, erinnert mich an diesen Munch, den soll man ja auch hier in Berlin gesehen haben - ist mir alles zu pueschologisch, der Schrei und der Urschrei und so. Aber die Blumen, so in ihrer ganzen Farbenfülle, man sagt ja, dass es bei den grossen Künstlern so eine Altersprachtfarbigkeit geben soll, das wär ja hier durchaus der Fall, nicht?" "Mensch Olga, das wär doch eine Idee, wir schicken diesem malenden Wundermann eine schöne Photographie oder ein Urlaubsbild mit Blumen und dann soll er uns das Nachpinseln. Die Benders werden Augen machen -  die Farben bestellen wir passend zum Sofa, meine Schönste, das wird den Salon schon schmücken, passend zu meinen schmucken Frauchen, hä?". "Wenn ich dazu etwas bemerken darf," mischte sich ein gelehrt aussehender Professor der Ophthalmologie in die Diskussion, "es sind doch oft die Augenleiden, die solcherart ausladende Farbigkeit begründen, leidet nicht der grosse Degas schon seit jungen Jahren an einem zentralen Venenverschluss? Beförderte dieser traurige Umstand nicht seine Hinwendung zur Plastik, welch grossartige Modellagen das aber auch sind? Woher rührt denn wohl das satte Gelb eines van Gogh; hat sich der Meister Monet nicht den Star stechen lassen, und ... " So lächelte er geheimnisvoll, "sind diese hier ausgestellten Meisterwerke nicht eine Investition in die Zukunft, haben sie doch eine satte Farbgebung und eine gut aufgelöste Linienführung, die einen noch weit in jede Altersfehlsichtigkeit begleitet, sehr überlegt von dem Künstler und sehr weitsichtig, ja, weitsichtig, sooh sage ich es."

 

Satte Farbgebung, Gott ja, das klang ja geradezu besorgniserregend, wars bei mir schon der Star, hatten mir zuviele Lichte bei den Wohltätigkeitsveranstaltungen für bedürftige Bühnenkünstler schon die noch so junge Hornhaut getrübt? Ach, wolltet ihr Regisseure auf euren wichtigen Klappstühlen, gebastelt, wichtiger  gesagt, manufakturiert  aus Reformholz und  Monte-Verita-Eigenleinen  und all ihr anderen unverzichtbaren Inszeneure auf den Brettern, die die Welt bedeuten, es doch geben den darbenden Darbietern der Dramen, nicht den Direktoren und Vorstandsvorsitzenden der jeweils örtlichen Städtischen Elektrizitätswerke oder Wachsfabriken.

 

"Ja, diese opulente Farbigkeit," so vernahm ich es erneut, und schon wanden sich die Farbschlangen aus den Bildern, sie knoteten sich um meinen Rumpf, meine Arme, meinen Hals ; bin ich denn Laokoon, so schoss es mir in letzter Verzweiflung durch den Sinn, kennt denn die Bildende Kunst keine Zeit, oh grosser Lessing? ....dahinschwindend sah ich mich geschunden, gehäutet gleich dem Marsyas, der den Apoll herausforderte, sah den halb verhinderten Schreiberling in mir samt kaum erwartetem Nachruhm ins Meer stürzen gleich einem Ikarus, ja, das war die gerechte Strafe, wer ersinnt denn schon Grotesken, wenn einer so malen kann und es das auch noch zu sehen gilt ...

 

Klaus Fußmann

im

 

Museum Barberini

Alter Markt

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14467 Potsdam

 

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DI ---

jeden 1. DO im Monat 10-21 h

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Liebermann-Villa am Wannsee

 

Neue Gärten 

 

Gartenkunst zwischen Jugendstil und Moderne

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25. 2. - 8. 5. 2018

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